Grundfragen der Auftragsklärung zur Arbeit mit Familiensystemen

Da ich mich mit diesem Blog an verschiedene Arbeitsfelder richte, bezeichnen wir Familien und Lebensgemeinschaften im Jobcenter Kontext als „Bedarfsgemeinschaft“ und in den anderen Arbeitsfeldern, wie Betreutes Wohnen, Suchthilfe oder Jugendhilfe als Familien- oder Paarsysteme.

Bevor wir uns der Arbeit mit Familien- und Paarsystemen und anderen Lebensgemeinschaften zuwenden sollten wir uns über einige Grundfragen Gedanken machen, denn diese könnten unsere Arbeit unterschwellig und unbewußt beeinflussen, obwohl wir bewußt und gewollt „eigentlich“ anders verfahren und handeln würden. Zusätzlich schützt uns diese Reflexion vor ungewollten Gegenübertragungsdynamiken. Siehe auch PDF zu Gegenübertragung.

Wer sind meine Auftraggeber und welche Erwartungen haben sie an mich? Oder wer hat eine Art Wirkung auf mich, wie ein Auftraggeber? Beispiel: Wenn ich mit einem meiner Freunde ab und zu über meine Arbeit spreche und er mir dazu, wie ich mit Kunden und Klienten arbeite und verfahre, eine unterschiedliche Meinung äußert, die mit bestimmten Forderungen einhergeht „Also nein, das kannst Du doch mit diesen Klienten so nicht machen, da solltest Do doch …“ dann kann aus dieser Differenz zwischen meinem bisherigen Handeln und den Vorschlägen oder gar Forderungen meines Freundes eine neue Auftragslage entstehen. Er hat Erwartungen an mich und mein Vorgehen – was mache ich nun damit?

Das ist jetzt lange noch nicht alles, denn es gibt ein ganzes Bündel an Erwartungen und Auftragslagen und die bestehen aus

Gesetzen, Richtlinien
meiner eigenen Institution, Vorgesetzten, Teams, Kollegen
meinen Kooperationspartnern
meinen Kunden und Klienten

meinen eigenen Vorstellungen und Ansprüche, mein Über-Ich mit Gewissen und Visionen
meiner Familie, Freunden, Nachbarn, jenen im Verein, d. h. alle, die über meine Arbeit Bescheid wissen und sich dazu äußern.

Haben die alle Erwartungen daran, wie (gut) ich meinen Job mache?
Und wenn das so sein wird, welche Auswirkungen hat das wohl darauf, wie ich meinen Auftrag – Aufträge in diesem Job verstehe?

Merksatz: Arbeite daran, Dir klarzumachen, was (Gesetze etc.) und wer (professionell wie privat) Dir bewußt und unterschwellig Auftragslagen erteilt und Du sie annimmst oder nicht.

Die folgenden 3 Aspekte haben eine besondere Bedeutung im eigenen Arbeitskontext, also in Bezug auf meine Kunden/Klienten, Institution, Vorgesetzte, Teams, Kollegen und auch Kooperationspartner:

  1. Wo gibt es gleichlautende und übereinstimmende Aufträge und Erwartungen?
  2. Wo widersprechen sich Aufträge und Erwartungen?
  3. Wo fehlen Aufträge und Erwartungen bzw. wo hätte ich gerne welche oder klarere?

Die folgenden Fragen richten sich dann an die Kunden und Klienten:

Wer will was? (Gibt es einen Zwangskontext? Dazu gibt es später noch eine eigene Einheit.)

  • Wollen die, die vor mir sitzen, überhaupt was von mir?
  • Was müssten ich und die Bedarfsgemeinschaft tun, um den Auftraggeber zufrieden zu stellen?

Von wem?

  • Bin ich es überhaupt, der hier angefragt ist?
  • Passt mein Angebot zum Bedarf der Bedarfsgemeinschaft?

Ab wann?

  • Gibt es jetzt schon einen Auftrag für mich?

Bis wann?

  • Gibt es ein Zeitlimit?
  • Ist es vielleicht schon zu spät?

Wie viel?

  • Wie viele Beratungssitzungen, wie viele neue Anregungen … wünschen die Bedarfsgemeinschaften für die ich / wir zuständig sind bzw. mit denen ich / wir arbeiten?

Wozu?

  • Was genau soll hier zu welchem Zweck gemacht werden?

Mit wem? Gegen wen?

  • Wie einig oder uneinig sind sich die Personen einer Bedarfsgemeinschaft untereinander bezüglich der gewünschten Dienstleistung?

Nützlich kann dabei auch die Umkehrung dieser Fragen sein:

Wer will nichts?

  • innerhalb einer Bedarfsgemeinschaft?

Was nicht?

  • Welche Dienstleistungen sind evtl. irrelevant?

Von wem nicht?

  • Welche Anbieter, die sich auf eine Bedarfsgemeinschaft beziehen, halten sich irrtümlich für zuständig?
  • Welche Anbieter adressiert eine Bedarfsgemeinschaft irrtümlich?

Wann noch nicht?

  • Ist es zu einer längerfristig sinnvollen Maßnahme evtl. noch zu früh?

Wann nicht mehr?

  • Ist die Nachfrage vielleicht schon nicht mehr aktuell?

Wozu nicht?

  • Über welche Zielsetzung besteht evtl. gar kein Konsens: 1. Zwischen mir und einer Bedarfsgemeinschaft und 2. Innerhalb einer Bedarfsgemeinschaft?

Literatur:

A. v. Schlippe, J. Schweitzer. Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. 10. Auflage. 1997. S. 148

A. v. Schlippe, J. Schweitzer. Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Das Grundlagenwissen. 2012. S. 235ff

Online:

A. v. Schlippe, J. Schweitzer. Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Das Grundlagenwissen. Online Google Books:
https://books.google.de/books?id=589zXHy6dzgC&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q=auftragskl%C3%A4rung&f=false

Inge Liebel-Fryszer und Rainer Schwing. Vom Kontakt zum Kontrakt: Einige Kernpunkte und Anregungen zur Auftragsklärung. PDFwww.praxis-institut.de

Bianca Olesen. Der Mensch hinter der Maske. Junfermann. 2016. Auftragsklärung mit Beispielfragen und zu erwartenden narzisstischen Reaktionen. PDF (Fokus auf Coaching)