Trauma, Traumatisierung V

Traumatherapie

Ich hatte beschrieben, daß ein Trauma entstehen kann, wenn in zu kurzer Zeit zu viele Informationen vom Gehirn nicht regulär verarbeitet und abgespeichert werden können: Systemabsturz der Telefonzentrale Thalamus und damit Ausfall und Umgehung des Lernorganisators Hippokampus, der keine Inhaltsverzeichnisse für eine spätere Erinnerungssuche anlegen kann.

So werden alle Sinneswahrnehmungen verstreut abgespeichert, d. h. nicht aufeinander bezogen: Visuelles, Akustisches, Olphaktorisches, Kinästhetisches. Nennen wir sie Gedächtnissplitter. Die bleiben im Gehirn vorhanden in Form von neuronalen Gedächtnisinseln.

Weil die Splitter nicht mit anderen Gedächtnisinhalten verbunden sind, befindet sich das Gehirn in einem inkonsistenten Zustand, der dauerhaften oder immer wiederkehrenden Streß erzeugt. Ich empfehle dazu Klaus Grawe zu lesen.* Die Tragweite dieser Inkonsistenz kann ich hier in keiner angemessen Kurzfassung darstellen. Vielleicht später mal – oder einfach selbst lesen und verstehen 🙂

Je ausgeprägter die Inkonsistenz ausfällt und je länger sie anhält, desto eher kann eine posttraumatische Belastungsstörung PTBS entstehen.

Die verschiedenen traumatherapeutischen Ansätze

verfolgen explizit oder implizit das Ziel, jene Splitter behutsam mit den dazu gehörenden (abgespaltenen) Erinnerungsbruchstücken neuronal und assoziativ zu vernetzen. Vor der Therapie werden diese Splitter immer wieder aktiviert oder besser gesagt angetriggert durch Alltagswahrnehmungen, die sich nun einmal gar nicht vermeiden lassen. Dann blitzen diese Gedächtnisinseln kurz auf, versinken aber wieder im Nichtwahrnehmbaren. Das macht dem Gehirn, der Psyche, dem Organismus Streß. Traumatherapie baut Brücken zwischen den Inseln und dem übrigen Festland, so daß ein tragfähiges Netzwerk an Informationskanälen entsteht. Die traumatische Erfahrung wird integriert** und ist daher vor einem isolierten Antriggern bewahrt.

Wir müssen an dieser Stelle nun aufmerksam unterscheiden, handelt es sich um ereignistraumatisierte oder um bindungstraumatisierte Menschen. Ein gravierender Unterschied besteht im Lebensalter, als das Trauma geschah.

Merksatz: Bindungstraumatisierungen geschehen im vorsprachlichen Alter und sind deshalb einer sprachlichen Aufarbeitung nicht zugänglich! Das sollten wir uns immer wieder bewußt machen. Hier geht es zumeist um Stabilisieren, Stabilisieren, Stabilisieren! Und es geht existentiell um eine stabile Arbeitsbeziehung.

Mit ereignistraumatisierten Menschen können wir gemeinsam überlegen, ob eine Traumatherapie hilfreich sein könnte. Dazu möchte ich Euch meine psychoedukative Intervention vorstellen. Sie beginnt mit der Externalisierung***, Sie sind nicht traumatisiert, sondern Sie schleppen ein Trauma mit sich herum, so wie diesen Rucksack, den Sie überall mit hinnehmen. Sie sind es nicht, es ist das Trauma!

Nun nutze ich eine sogenannte Impact Technik. ****

Das Traumaglas

Stellen wir uns vor, das Trauma bestehe aus einem Glas mit vielen Sandkörnern (sind ja mit nichts vernetzt die Gedächstnisinseln). Wenn nun neuronal eine Alltagswahrnehmung das Traumaglas antriggert = anstößt, kippt ungewollt, ungeplant, unwillkürlich Sand heraus.

Das Gehirn mit seinen vielen Windungen stellen wir uns wie einen ausgebreiteten Teppich vor (real immerhin ein Viertel Quadratmeter!).

Traumatherapie geschieht geplant und willkürlich im Sinne von willentlich. Wenn wir in der Traumatherapie nun durch sehr behutsame Erinnerungs“arbeit“, Stück für Stück mehr Assoziationen zusammenfügen, dann ist es so, als würden wir Stück für Stück sorgsam geplant (also willkürlich) immer wieder ein Quäntchen Sand über den Teppich großflächig verstreuen. Das machen wir langsam und sorgfältig, immer wieder, bis der Sand verteilt und das Glas leer ist. Der Sand ist dann noch da, aber er stört nicht mehr!

Das Ergebnis: das Trauma ist aufgelöst (das Traumaglas ist leer), aber die Erinnerungen (Sandkörner) sind nicht weg, sondern vorhanden und vernetzt und deswegen können sie nicht mehr angetriggert werden und stören und schmerzen auch nicht mehr, sondern lassen einen in Ruhe.


* Klaus Grawe. Neuropsychotherapie. 2004. Kap. 4.8 Konsistenz und Konsistenzregulation. S. 304-351
** siehe auch www.psychosomatik-aalen.de/psychoedukation-trauma.pdf
*** Externalisierung ist ein methodischer Kniff auf den wir auch noch zu sprechen kommen.
**** https://opt2017.de/wp-content/uploads/sites/3/Reschke-Konrad_Worskshop.pdf?x66723