Psychische Störung als kommunikatives Notprogramm
ein Ausblick auf weitere Blog-Seminar-Einheiten

Merksatz zur Systemischen Haltung: nicht der Mensch ist gestört, sondern in der Kommunikation stört etwas, entweder in der sozialen Kommunikation oder in der inneren psychischen Kommunikation oder beiden.

Diese Haltung steht dahinter, wenn wir vordergründig und kurzgefaßt von psychischen Störungen sprechen. Einer meiner Lieblingsautoren, Roland Schleiffer, spricht von systemischen Abweichungen und von Verhaltensstörungen. (Eine Besprechung der beiden Bücher steht auch auf dem Programm.)

Einen von mehreren Zugängen zum Verstehen bietet uns die Bindungstheorie und -forschung an. Die meisten psychischen Störungen, auf die wir in unseren Arbeitsfeldern treffen, dürften ihren Beginn in Bindungstraumatisierungen haben. Solche Menschen haben in früher Kindheit¹, also im vorsprachlichen Alter, traumatische Phasen erlebt und befanden sich in Lebensituationen, die auch späterhin nicht besser wurden. Ihr Gehirn, und nicht nur das, ihre Amygdala war mit Gefahrenabwehr beschäftigt: Aktivierung des Furchtsystems (Sympathikus) mit Angriff oder Flucht und wenn es schlimmer wurde Aktivierung des Paniksystems (Parasympathikus) mit Starre, Dissoziation u.ä. Auf diesen Reaktions-, Verarbeitungs- und Hirnstrukturen bauten alle weiteren Reifungsschritte auf und wurden dabei zu Notprogrammen, um mit Alltagssituationen umgehen zu können. Man spricht dann auch von einem aktivierten Bindungssystem.²
Bei vielen Klienten waren und sind das noch immer wiederkehrende Zustände, so als würde man im Auto sitzen und auf die Bremse treten und zugleich Gas geben.

Mein Plädoyer an dieser Stelle möchte eindringlich sein: wir werden diesen Menschen am ehesten gerecht, wenn wir lernen wahrzunehmen, wann genau diese kommunikativen Notprogramme einsetzen und beginnen³ und in Erscheinung treten. Nehmen wir beim Klienten eines dieser Notprogramme aktuell wahr, können wir im Gesprächsprozess nicht weitermachen/-reden, sondern müssen innehalten und sei es mitten im Satz:

Merksatz: bei Hyperarousals = Über-/Erregungszuständen mußt Du für Entspannung rsp. Beruhigung sorgen³; solange das Hyperarousal aktiviert ist, befindet sich der linke PFC im Standby Modus und kognitiv geht grade gar nichts.

Merksatz: bei Dissoziationen = Weggetreten hältst Du umgehend inne und wartest bis der Klient wieder “auftaucht”. Laß ihn. Eine Dissoziation zu unterbrechen, indem man den Klienten anspricht, z. B. HALLO, SIND SIE NOCH DA?! wäre so, als würde man Dich aus dem Tiefschlaf reißen und Dich vollquatschen, dabei bist Du noch gar nicht aufnahmefähig.

Noch etwas Spezielles dazu: Wir können in unserer Wahrnehmung noch so geübt sein, das Notprogramm wird früher beginnen, als wir es wahrnehmen, d. h. in der Zeitspanne in der das Notprogramm beginnt, wechselt der PFC in den Standby Modus mit der Folge, daß der Klient von den Gesprächsinhalten nichts mehr mitbekommt. Mehr noch: Du mußt damit rechnen, daß schon die Zeit* 10-15 Minuten zuvor mit Amnesie belegt sein kann. Wenn sich der Klient also nicht erinnert, was wir vorhin besprochen haben, dann wird das weniger etwas Widerständiges sein, sondern wir müssen mit Amnesie rechnen.
Auch macht es wenig Sinn, mit dem Klienten über sein gerade abgelaufenes Notprogramm, also über den Erregungszustand oder/und die Dissoziation reden zu wollen, weil die Selbstwahrnehmung, die Selbstreferenz infolge des Standy Modus des linken PFC reduziert war. Der Zeitraum dieser Zustände selbst fällt also auch der Amnesie anheim.


¹ in der psychoanalytischen Theorie spricht man auch von Frühen Störungen bzw. Grundstörungen. Wen dazu Aspekte der psychanalytischen Theoriebildung interessieren, der möge sich melden. Könnte ich auch etwa zu schreiben. Es gibt zur systemischen Theoriebildung eine größere Schnittmenge als viele meinen oder wissen. Der GVS www.sucht.org hat schon auf seinen Jahrestagungen in den 90er versucht, im Suchtbereich für einen intensiven Austausch zwischen den Theoriebildungen zu sorgen.
² Infos über die verschiedenen Bindungsmuster werden noch in weiteren Einheiten besprochen.
³ wir kommen noch zu den Techniken und Strategien in der Gesprächsführung !
* Dazu habe ich bislang keine Belege gefunden; das fußt auf meiner Erfahrung.