10.2  Abbruch der Kommunikation und Suizidgefahr

Bevor wir die Sendepause und in der Folge auch die Ruhephase starten, müssen wir mit den Eltern über noch ein existentielles Thema sprechen: wie kann die Kommunikation mit der Tochter oder dem Sohn weitergehen?!

Es gibt Beziehungen zwischen Eltern und Jugendlichen, die seit langer Zeit leidvoll gestaltet werden. Bestimmte Jugendliche, die den pubertären Umgestaltungsprozeß als sehr intensiv oder auch irritierend erleben, fühlen sich von undeutlich kommunizierenden Eltern über weite Strecken nicht verstanden und zusätzlich irritiert. Sie verstehen nicht was (Information) die Eltern wollen und wie (Mitteilung) die Eltern auf den Jugendlichen reagieren und welche Wünsche sie an die Eltern-Kind-Beziehung haben.

Und die Jugendlichen fühlen sich nicht nur nicht verstanden, sie können das den Eltern auch nicht verständlich machen!

Manchmal bricht dann durch eine intensive Zeit des Mißverstehens und Nichtverstehens die Kommunikation ab. Beide Seiten haben viel investiert damit ein Verstehen gelingen sollte. Wenn das Verstehen mit den Eltern aber bei allem Bemühen, bei allen Provokationen und herausforderndem Verhalten nicht gelingt, gibt Max auf. Für ihn muß aber Kommunikation weitergehen. Wenn nun Max’ Kommunikation in anderen sozialen Systemen ebenfalls nicht so gelingt, daß es zu gegenseitigem Verstehen und einem Reentry (1) kommt und Max (per Zufall, wie sonst) über Probierkonsum die Erfahrung macht, daß eine neue verstehbare psychische Kommunikation durch Konsum eines Rauschmittels erzeugt werden kann (2), ist das in einer hoffnungslosen Elternhaussituation ein subjektiv als stark empfundener „Erfolg“. „Die primäre Funktion jeglichen Konsums psychotroper Drogen besteht in der Beeinflussung des affektiven Zustandes. Ein positiver Affekt bzw. eine positive Stimmungslage soll herbeigeführt und / oder eine negative Befindlichkeit beendet oder zumindest gemildert werden.“ (3)  Der Konsum dient also der Affektsteuerung und der Affektkontrolle. Die Wirkung eines Rauchmittels ist vorhersehbar: Jeder Mensch, der Erfahrungen mit psychotropen Stoffen hat, weiß, welcher Stoff welche psychischen Wirkungen bei Konsum zur Folge hat. Fühlt man sich gerade noch schlecht bzw. nicht gut genug, dann weiß man wie man sich nach einer Flasche Bier oder einem Joint fühlt. Die Affektwirkung ist relativ schnell herstellbar und sogar garantiert, und man ist vor allem auch völlig unabhängig von anderen Menschen.

Konsum kann aber auch noch eine zweite Funktion wahrnehmen, indem er die psychische Kommunikation sicherstellt, wenn sie droht unverständlich zu werden (z. B: Psychose) oder droht nutzlos zu werden (Depression). Aufgrund des Gefühls der Abhängigkeit von anderen Menschen und sich denen ausgeliefert zu fühlen, bewirkt der Konsum, daß man der Adressierung anderer nicht mehr zu Verfügung steht. „Eine angeheiterte oder ‚zugedröhnte’ Adresse erschwert zweifellos die Kommunikation.“ (4) Der Konsum dient dem Reizschutz und der Abschottung.

Wenn die Anschlußfähigkeit im Kontext sozialer Systeme nicht mehr gelingt, kommt das psychische System in Bedrängnis, benötigt es doch, damit „es“ weiter gehen kann, den Austausch mit der Umwelt. (5) Der kann ersatzweise hergestellt werden, indem sich nun alles um die Beschaffung des Rauschmittels dreht, um selbst (selbstreferenziell) gut drauf sein zu können. (6)

Kehren wir zur elterlichen Intervention zurück: Wenn die Eltern Max mit der für sie einzig vertretbaren Forderung nach Konsumfreiheit konfrontieren, wird er das nach der zurückliegenden Zeit unverständlicher Kommunikation erst einmal nicht verstehen.

Er wird die Forderung „Bitte werde konsumfrei und mach eine stationäre Therapie“ als Information hören und registrieren, kann sie aber als einzig mögliche Mitteilung „Max, Du bist unser Sohn und wir lieben Dich und deshalb können wir nun nicht anders, als uns für Deine Gesundheit einzusetzen“ noch nicht verstehen, weil noch das „Hintergrundrauschen“ der vielen unverständlichen Informationen und Mitteilungen der vergangenen Wochen und Monate mitschwingt.

So daß es seitens der Eltern zum einen bei der klaren Fokussierung auf die einzig gültige Forderung bleiben muß und zweitens einer Beharrlichkeit bedarf, dran zu bleiben, damit Max nach und nach verstehen lernen kann, daß das nun wirklich so gemeint ist.

Mit der Forderung nehmen die Eltern Max aber seine Notlösung, mittels Konsum das eigene psychische System aufrechtzuerhalten und mittels des Bindegliedes „Konsumbeschaffung“ im sozialen System eine Kommunikation sicherzustellen.

Wenn nun aber beide (notdürftig konstruierten) Sicherungen der psychischen und sozialen Kommunikation durch die elterliche Forderung nach Konsumfreiheit wegbrechen, kann es sein, daß Max nicht weiß, wie ES (Kommunikation, die Sinn macht, mithin verständlich ist) weitergehen soll. Wenn Kommunikation weder psychisch Sinn macht noch sozial Sinn macht, weil keine Hoffnung auf eine verstehbare Anschlußfähigkeit besteht, kommt der Suizid ins Spiel.

Eine Variante des Suizids besteht darin, über den Tod hinaus, Kommunikation sicherzustellen. Würde Max sich umbringen, blieben jene, die lebenden Kontakt (Kommunikation) mit ihm hatten, über den Tod hinaus mit ihm kommunikativ verbunden – Max könnte sicher sein, daß man immer wieder an ihn denkt und versucht, zu verstehen. Das wäre sozusagen eine todsichere, d.h. subjektiv empfunden, garantierte Sicherstellung von Kommunikation – über den Tod hinaus.

Wir kommen nicht umhin, mit Eltern im Vorhinein über diesen Aspekt zu sprechen. Eltern befinden sich in einem Dilemma: Wenn sie sich nicht für die Gesundheit von Max einsetzen, besteht das Risiko, daß er sich gesundheitlich schadet und auch für seine Zukunftssicherung nichts tun wird. Setzen sie sich für die Gesundheit ein, besteht ein gewisses Risiko, daß Max aufgrund seines „drogenverseuchten Gehirns“ die Botschaft nicht als liebevolle Sorge der Eltern und als Bezogenheit versteht. Vielmehr wollen ihm die Eltern nun auch noch das letzte Mittel nehmen, mit dem er psychisch und sozial kommunizieren kann. Je drogengeschädigter ein Abhängiger ist desto weniger wird er sich gesunde Alternativen vorstellen können, psychische und soziale Kommunikation sicherstellen zu können. Wenn der Konsum der inneren Affektregulierung dient, kommt hinzu, daß Konsumfreiheit zunächst bedeuten würde, den qualvoll erlebten Affekten schutzlos ausgeliefert zu sein. Woher soll ein Therapieunkundiger unter Konsum die Zuversicht nehmen, daß man mit therapeutischer Unterstützung lernen kann, Affekte selbst steuern zu können. Dann ist manchmal die Not so groß, daß nur der Tod bleibt.

Wir können als Coach Eltern aus diesem Dilemma nicht entlassen, müssen es aber kommunizierbar machen, damit Eltern wissen, welche Kräfte und Bedingungen wirken. Wir können Eltern die Entscheidung nicht abnehmen, sollten ihnen aber zusichern, sie zu begleiten, gleich was auf sie zukommt. Die meisten Eltern entscheiden sich für den Weg, sich für die Gesundheit von Max einzusetzen.

Für die Wirkung auf Max ist bedeutsam, daß die Forderung nach Konsumfreiheit niemals als Erpressung oder Drohung gemeint sein darf. Wenn Eltern noch in dieser Haltung verhaftet sind, müssen wir zunächst mit ihnen daran arbeiten, daß sie die Haltung einer liebevollen Bezogenheit entwickeln und wirklich realisieren, daß sie ohnmächtig sind, weil sie keinen lenkenden Zugriff auf Max mehr haben. Eltern können sich nur einsetzen – mehr geht nicht.


(1) Roland Schleiffer.  Verhaltensstörungen. Sinn und Funktion. Heidelberg 2013. Seite 17

„… meint der Begriff Reentry die Wiedereinführung der Unterscheidung von System und Umwelt in das durch sie Unterschiedene, nämlich das System. Diese Fähigkeit erwirbt das Kleinkind, wenn es beobachten kann, daß es von seinen ersten Bezugspersonen in der frühen ‚affektiven Protokommunikation‘ adressiert wird. Diese unterscheiden für den Säugling nachvollziehbar zwischen ihm und dem Rest der Welt. Diese Unterscheidung übernimmt auf bislang noch kaum verstandene Weise das Kind und unterscheidet fortan zwischen sich und anderen und dann auch anderen Personen. Bisweilen gelingt es dem Kind nicht, diese Fähigkeit zum Reentry auszubilden. Einem solchen Kind wird dann eine Störung aus dem Autismusspektrum attestiert. Diese Fähigkeit kann aber auch im späteren Lebnen verloren gehen. In einem solchen Fall läßt sich dann eine Psychose diagnostizieren.“

oder, ich füge hinzu, die Fähigkeit kann in der Pubertät eingeschränkt vorhanden sein.

(2) So kann die Erwartung an das Rauschmittel,  ganz bestimmte nun planbar hervorzurufende psychische, eomotional/affektive,  Körper- und Rauschzustände zum Adressaten der Kommunikation werden. Ähnlich wie in der Psychosomatik der Körper zum Adressaten innerer Kommunikation werden kann.

(3) Schleiffer. Seite 139

(4) Schleiffer. Seite 142

(5) Margot Berghaus. Luhmann leicht gemacht. Köln 2001

(6) Schleiffer. Kapitel 6 Unabhängige Affektregulation: Süchte, S. 135-151.