3. Indikationen

Dieses Coaching richtet sich an Eltern von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, die Rauschmittel konsumieren oder / und selbstschädigenden Mediengebrauch zeigen. Ich spreche im Folgenden der Einfachheit halber immer nur von „Konsum“, schließe damit aber auch Mediengebrauch ein mit dem Eltern nicht einverstanden sind, anderes selbstschädigendes Verhalten, wie z. B. Eßstörungen, riskantes Verhalten etc. Auf den entscheidenden Nenner gebraucht, es muß sich um Jugendliche handeln, die sich gefährden. Ich habe für diese Problematiken den Begriff „Suchtpräsenz“ geprägt.

Der befreit uns zunächst von der Notwendigkeit eine Diagnose wie „suchtkrank“ zu stellen, und „Suchtpräsenz“ schließt jene mit eine, die noch keine Abhängigkeit* entwickelt haben, die wir jedoch für gefährdet halten.

  • Der Begriff „Abhängigkeit“ wird in den offiziellen Diagnosesystemen, dem ICD-10 und dem DSM-IV-TR, definiert. Wir benutzen die diagnostischen Leitlinien auf der Website www.drugcom.de/drogenlexikon/abhaengigkeit.

Elterncoaching als Indikation für ratsuchende Eltern, die zu Hause Jugendliche oder junge Erwachsene mit Suchtpräsenz haben und die häufig zusätzliches herausforderndes Verhalten zeigen, wie z. B. Aggressivität, Gewalt, sozialen Rückzug, Psychosen, Straffälligkeit, Schulverweigerung usw.

Die ratsuchenden Eltern sind mit ihrem Latein am Ende. Sie haben alles versucht, Einfluß auf ihre Töchter und Söhne zu nehmen. Auch haben sie häufig schon in anderen Beratungsdiensten Rat gesucht, haben jedoch keine wirksame Hilfestellung erhalten, zumeist weil auch die Profis nicht weiter wußten. „Wenn Ihr „Max“ nicht mit in die Beratung kommt, können wir Ihnen leider auch nicht helfen.“ Bis ich dieses Elterncoaching entwickelt hatte, fühlte ich mich genauso hilflos. Siehe Blogbeitrag 1.2.

„Damit Eltern zu ihren eigenen Kompetenzquellen finden können, ist es nötig, unter Berücksichtigung ihrer Selbst- und Problembeschreibungen einen >kommunikativ anschlußfähigen Verstehensrahmen< (Neurahmung, reframing) zu kreieren … Wenn Eltern mit ihrem >Problemkind< in Therapie (oder Beratung; d. Verf.) kommen, erleben sie sich als gescheitert. Das heißt, die Motivation zur Therapie liegt im Befindlichkeitserleben der Eltern.“ ** So gesehen mag es einerseits eine entlastetende Funktion haben, von professionellen Helfern gesagt zu bekommen, daß sie auch nicht weiter wissen, verschärft aber andererseits die Hilflosigkeit und das Gefühl der Ohnmacht, weil in der Aussage der Profis „Wir können Ihnen nur helfen, wenn Max mitkommt.“ der Vorwurf steckt: „Sie schaffen es nicht, ihrenMax herzubringen!“.

„Um die Eltern für eine gute Kooperation zu gewinnen, müssen akzeptable Erlärungen für ihr Scheitern und eine Entlastung bezüglich ihrer Schuldgefühle angeboten werden. Eltern suchen in der Therapie (oder Beratung; d. Verf.)  die auflösung des Rätsels, das ihnen ihr Kind mit seinem Symptomverhalten mit seinem Symptomverahlten aufzugeben scheint.“ *

Das Besondere an der Suchtpräsenz besteht in diesem Zusammenhang darin, daß Eltern in der Regel über keine Lebenserfahrung verfügen und man auch sonst nicht daruaf vorbereitet wird, wie mit Pubertierenden umzugehen ist, wenn sie der Faszination von Rauscherfahrungen oder Onlinespielerfolgen erliegen. Das sind Sondererfahrungen in der Erziehung von Kindern auf die Eltern nicht vorbereitet wurden. Wir können also Eltern das Reframing anbieten, nicht sie haben versagt, sondern die Rauschmittel haben beim Kind gewonnen. Nicht die Eltern haben Schuld an den Problemen, sondern die Dealer und die Drogen oder die raffinierten Programmierer und die Online-Spiele haben Schuld. Diese Konstruktion führt zu einer merklichen Entlastung elterlicher Schuldgefühle zumal sie ein sehr bedeutsamer Bestandteil der Gesamtproblematik darstellt. Gäbe es keine Drogen (Medien) würden die Auseinandersetzung mit dem Kind anderes verlaufen!

Bevor aber ein Elterncoaching beginnen kann, sollten wir mit den ratsuchenden Eltern einiges klären und in Erfahrung bringen, was einem Erfolg im Wege stehen könnte.

3.1 Kontraindikationen

Eltern mit Modellfunktion

Wenn Eltern bei Suchtpräsenz Einfluß nehmen wollen, müssen sie als Voraussetzung Glaubwürdigkeit in Bezug auf das eigene gesunde Leben mitbringen. Eltern, die selbst selbstschädigendes Verhalten zeigen, sind nicht glaubwürdig. Wir Profis müssen uns an dieser Stelle auch selbst miteinbeziehen: auch wir müssen Glaubwürdigkeit in Bezug auf ein gesund gestaltetes Leben mitbringen. Wenn z. B. Profis, die in der Suchthilfe arbeiten, Tabak rauchen, zeigen sie sich nicht glaubwürdig, wobei ich unterstelle, daß es keinen nichtsüchtigen Tabakkonsum gibt. Wir können gegenüber den ratsuchenden Eltern nur glaubwürdig erscheinen, wenn wir ein gesundes Leben führen, das frei ist von selbstschädigendem Verhalten. Wenn wir selbst so leben, können wir Eltern damit konfrontieren, daß sie nur weiter kommen werden, wenn sie auch ein gesundes Lebens führen.

3.1.1 Sonderfall Tabakkonsum

Ich erwarte von den ratsuchenden Eltern nicht, daß sie ein alkoholfreies Leben führen, frage aber immer nach, ob sie gesund mit Alkohol umgehen. Der Konsum illegaler Rauschmittel ist natürlich inakzeptabel, weil strafbar und im Justizbezug kein Vorbildung für die Jugendlichen wäre. Auch nach dem Gebrauch von Medikamenten sollte man fragen. Adipöse Eltern sind immer wieder ein Grenzfall – ich ringe mit ihnen um Ernährungsberatung, Arztbesuch und Gewichtsreduktion als Voraussetzung für das Elterncoaching.

Kein Grenzfall, sondern eine absolute Kontraindikation sind rauchende Eltern. Sie wollen zumeist den Konsum nicht aufgeben und argumentieren, Zigaretten seien kein Rauschmittel und hätten keinen Einfluß auf die Psyche. Man darf zwar unter Nikotineinfluß Auto fahren und ist insofern in der Wahrnehmung und den Entscheidungsfunktionen, die wir für den sicheren Straßenverkehr brauchen, nicht beeinträchtigt. Wenn man jedoch die Aussagen der Raucher Ernst nimmt: „Ich muß mich beruhigen, ich muß mal eine rauchen!“ „Das haben wir geschafft, jetzt haben wir uns eine verdient!“ ist der Zusammenhang zu Befindlichkeiten offenkundig und erst Recht im Entzug: „Ich halte die Nervosität nicht aus.“ „Ich habe es 4 Wochen geschafft, aber dann mußte ich wieder rauchen.“

Rauchen kommt einer Impulskontrollstörung gleich, weil die Exekutivfunktionen beständig „verlieren“ und die Impulse „gewinnen“. Wenn wir von den konsumierenden Jugendlichen erwarten, daß sie lernen, ihre Impulse (Wunsch nach Kiffen, nach Internetspielen, nach Erbrechen, sich selbst verletzen etc.) unter Kontrolle bringen, brauchen wir zur Einflußnahme Eltern, die zeigen wie das geht.

Ein weiteres suchtbezogenes Argument, ausschließlich mit rauchfreien Eltern zu arbeiten, ist die Tatsache, daß an den Folgen des Rauchens in Deutschland jedes Jahres zwischen 100.000 und 120.000 Menschen sterben. Bei den alkoholbezogenen Gesundheitsstörungen und Todesfällen geht man von etwa 74.000 Todesfällen aus und die Zahl der drogenbedingten Todesfälle (zumeist durch Opiate, der Blogger) lag 2013 bei 1.002 Rauschgifttoten. Es ist meines Wissens kein Cannabistoter bekannt. Quelle: www.dhs.de/datenfakten/alkohol

Wenn wir also rauchende Eltern mit einem kiffenden Max vor uns haben und die Eltern dabei unterstützen, daß Max den Konsum aufgeben soll, dann gehen wir das absehbare Risiko ein, daß Max irgendwann sagen wird: Was wollt ihr Eltern eigentlich, ihr raucht doch! Dann ist Schluß mit der Einflußnahme, weil die Glaubwürdigkeit fehlt.


*  Jürg Liechtig. Dann komm ich halt, sag aber nichts. Motivierung Jugendlicher in Therapie und Beratung. Seite 85 und 86